Nachtmahr Lyrics


Der Sturmwind harft die Sehnsuchtslieder

Im Dachgebälk, in Baum und Ast,

In Schauern geht der Regen nieder,

Vermengte Stimmen zieh'n in Hast

An meiner Klause wild vorbei.

Und Ruhe jetzt - ein Schrei! -

Ein Schrei so schrill und todesbang,

Wie wenn im Lied die Saite sprang.

Wer war's, der schrie? - Die Bilder jagen!

Ins Herz zurück strömt mir das Blut.

Ich kenn' euch wohl, ihr heil'gen Klagen

Aus Feld und Wald, aus Luft und Flur.

Ihr seid das große Weh der Welt,

Das schluchzend durch die Nächte gellt,

Das rastlos um den Erdball jagt

Und wider Gott und Menschheit klagt.

Ihr seid des Tieres Not und Mangel,

Der Schöpfung brennend heißes Weh,

An Gipfeln hoch und tief im Tal

Das Tier in stummer Todesqual!

Und Menschen seid ihr! - Gramgestalten,

Die man vom Tisch des Lebens wies,

Der Fluchschrei des betrog'nen Alten,

Den aus dem Hof der Sohn verstieß,

Ins Mutterangesicht der Schlag,

Verzweifelnde zu Nacht und Tag,

Die gottverlassen um sich späh'n

Und in die dunklen Wasser geh'n.

Ihr blast ein Lied auf bleichen Knöcheln! -

Vom Hager der verführten Magd

Ist es ein letztes Kinderröcheln,

Das weint durch eure wilde Jagd.

Ihr wandert über Hand und Meer,

Ihr seid ein arm und finst'res Heer,

Ihr tragt ein sturmzerriss'nes Kleid,

Gewebt aus Schuld und Herzeleid!

Ihr seid der Seele eig'nes Grauen,

Wenn durch die Nacht der Sturmwind geigt,

Ein schmerzhaft tiefes Bilderschauen! -

Genug des Spuks. - Der Morgen steigt.

(Jakob Christoph Heer)